Bauhaus-Archiv in Berlin

Wir haben Menschen in ganz Europa gefragt, was in ihrer Stadt europäisch ist. Auf Instagram haben sie ihre Fotos mit uns geteilt. Eine Liebeserklärung.

Rijeka, Kroatien

Von Péter Techet

Glockenturm von RijekaIch bin Peter aus Europa, geboren in Budapest, mit ungarischen, österreichisch-slowakischen und französischen Wurzeln. Ich habe in München, Regensburg und Vaduz studiert und viel Zeit in Wien, Zagreb, Rijeka, Triest und Rom verbracht. Wenn man mich fragt, woher ich komme, nenne ich diese Städte. Sie sind mein Zuhause.

Das wichtigste Wahrzeichen von Rijeka (italienisch: Fiume) ist der Glockenturm. Als der faschistische Poet Gabrielle D’Annunzio die Stadt nach dem Ersten Weltkrieg besetzte, ließ er den Habsburg-Adler von der Turmspitze entfernen. Jugoslawien wollte ihn später auch nicht haben. Nach der Unabhängigkeit Kroatiens sorgte eine kleine Gruppe von Lokalpatrioten dafür, dass der Adler wieder angebracht wurde – als Symbol einer Zeit, in der Rijeka europäischer, multinationaler und kosmopolitischer war als heute.

Im Mai 2017 kehrte der Habsburg-Adler auf die Turmspitze zurück. In der New York Times verglich Robert D. Kaplan die Habsburger Vergangenheit der Stadt mit ihrer europäischen Zukunft: „Die Europäische Union ist (…) das notwendige Weltreich. Ich benutze das Wort ‚Weltreich‘ mit Absicht. Die EU ist ein ambitioniertes Unternehmen, weil sie den Zusammenschluss sucht von ehemaligen karolingischen, preußischen, habsburgischen, byzantinischen und ottomanischen Gebieten, die alle völlig unterschiedliche Geschichten und wirtschaftliche Entwicklungen durchmachten. Um dies zu erreichen, musste die EU die Funktionsweisen dieser ehemaligen Weltreiche ersetzen.“

Utrecht, Niederlande

Von Lizzy van Winsen

Domplatz in UtrechtAuf diesem Foto, das ich morgens aufgenommen habe, ist es etwas diesig. Trotzdem haben sich diese drei Mädchen auf dem Domplatz getroffen – sicher, weil er ganz im Herzen von Utrecht liegt. Der Platz zwischen der Kirche und dem Turm entstand zufällig, als 1674 ein heftiger Sturm das Mittelschiff zerstörte. Die Ruinen dienten Homosexuellen für ihre heimlichen Treffen, was zu den Sodomie-Prozessen von 1730 führte, bei denen häufig die Todesstrafe verhängt wurde. Im 19. Jahrhundert wurden die Ruinen weggeräumt, und so entstand dieser große Platz.

Wenn man sich Zeit nimmt und hinüber spaziert, findet man viele Ecken, die dunkle und helle Zeiten europäischer Geschichte markieren. Die Statue der Frau mit einer Fackel ehrt die Opfer des Zweiten Weltkriegs, und an die Sodomie-Prozesse erinnert eine Gedenktafel. Schwarze Pflastersteine weisen darauf hin, wo einst die Säulen und Mauern des zerstörten Doms standen. Eine geführte „Dom Under“-Tour zeigt die Überreste römischer Straßen und Festungen, einer früheren Residenz des deutschen Kaisers Heinrich III. und die Fundamente der ersten christlichen Kirchen bis zum Mittelalter. 2.000 Jahre europäische Geschichte auf einem einzigen Platz!

Bristol, Großbritannien

Von Kit Holden

Der Bahnhof von Temple Meads in BristolAls Brite mit dänischer Familie, der in Deutschland lebt und arbeitet, betrachte ich mich als Europäer. Aufgewachsen aber bin ich in Westengland. Ungeachtet der jüngsten politischen Ereignisse ist Großbritannien unausweichlich und absolut ein Teil Europas. Sogar hinter den „englischsten“ Orte steckt fast immer eine europäische Geschichte – zum Beispiel der Bahnhof von Temple Meads in Bristol. Wie viele Gebäude in der Region Bristol wurde der Bahnhof von Isambard Kingdom Brunel entworfen, einem der berühmtesten britischen Ingenieure. Brunels Begabung zeigte sich schon in seiner Kindheit, sodass sein Vater, ein Franzose, wohl darauf bestand, dass er eine höhere Ausbildung in Frankreich erhielt. Seit er 14 Jahre alt war, studierte der zweisprachige Brunel zunächst in Caen, dann in Paris.

Später sollte er nach England zurückkehren, wo seine Ideen den öffentlichen Verkehr revolutionierten und ihn zur Ikone der Industriellen Revolution in Großbritannien machten. Brunel war Brite – Brunel war Europäer. Kein Referendum wird das jemals ändern.

Kiew, Ukraine

Von Alex Guzenko

Treppen in KiewVor einigen Jahren erfüllte ich mir den Traum, als Reisejournalist zu arbeiten und Geschichten über Orte und die Menschen dort zu schreiben. Meine Reisen führten mich durch ganz Europa, von Tiflis bis nach Dublin, und unterwegs begriff ich, dass ich mich in jeder Ecke dieses Kontinents gleichermaßen zu Hause fühlte. Kiew ist der Ort, an dem ich lebe, aber Europa – da gehöre ich hin.

Kiew wurde erstmals im Jahr 482 erwähnt. Die Stadt wurde auf Hügeln erbaut, die sich am Ufer des Dnipro erstreckten. Die Zeit verging, die Stadt veränderte ihre Landschaft, Struktur und Regierung. Was blieb, waren die Hügel, die die 1.500 Jahre alte Geschichte der ukrainischen Hauptstadt bewahren.

Diese Treppe befindet sich im Herzen von Kiew und führt die Besucher zügig aus der oberen Stadt und ihrer Hauptstraße Khreschyatyk hinunter zum Fluss Dnipro. Am unteren Ende der Treppe steht ein Denkmal, das an das Magdeburger Recht erinnert. Das Monument wurde 1802 errichtet und erinnert daran, wie Kiew im Jahr 1494 das Stadtrecht erhielt. Heute sind die Treppe und ihre Umgebung ein beliebter Ort in warmen Nächten im Sommer und Herbst.

Berlin, Deutschland

Von Anna Sting

Bauhaus-Archiv in BerlinIch heiße Anna und arbeite in Berlin für die Humboldt-Universität. Hier stehe ich vor dem Bauhaus-Archiv. Das Bauhaus gab es nur 14 Jahre von 1919 bis 1933. Im Dritten Reich galt es als entartete Kunst. Trotzdem hat das Bauhaus die moderne Architektur in Europa maßgeblich beeinflusst. „Eine solche Resonanz kann man nicht mit Organisation erreichen und nicht mit Propaganda“, sagte Mies van der Rohe, der letzte Direktor des Bauhauses. „Nur eine Idee hat die Kraft, sich so weit zu verbreiten.“ Das wünsche ich mir für die Europäische Idee.

Aus dem Englischen übersetzt von Katharina Krüger.

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