Debatte in Erfurt: Fankultur in Europa

Dass in der Liebe zu einem Fußball-Verein Schmerz steckt, spüren auch die Fans in Erfurt. Warum nicht auf europäischer Ebene nach einer Lösung suchen?

Von Kit Holden und Onno Falkena

Fan des FC Rot-Weiß Erfurt zu sein, sei eine Strafe, sagt Felix. So oder sinngemäß habe ihm sein Vater die Liebe zum RWE erklärt, als er noch ein kleiner Junge war. Dass in der Liebe zum Verein eine gewisse Portion Schmerz steckt, weiß nun jeder Fußballfan. In Erfurt ist der Schmerz in diesen Tagen aber besonders spürbar. Als sich diese kleine Gruppe von RWE-Fans mit Mitgliedern von „Wir sind Europa!“ im Erfurter Fanprojekt trifft, prüft der Verein Rot-Weiß Erfurt die Möglichkeit eines Insolvenzverfahrens. Ein paar Tage vor dem Thüringen-Derby gegen Jena kämpft der Klub nicht nur um den Klassenerhalt, sondern auch um die nackte Existenz.

Eigentlich geht es bei dieser Diskussion im Fanprojekt um die Fankultur in Europa. Es ist aber vollkommen verständlich, dass die aktuelle Situation alles andere überwiegt. Es sei “traurig”, sogar “perspektivlos”, was gerade passiert, sagen die Fans in der Diskussionsrunde.

Debatte in Erfurt: Europäische Fankultur
Onno Falkena (links) im Gespräch mit Fußballfans in Erfurt.

Während in anderen Städten der Fußballverein noch als wichtiger Teil der regionalen Identität gilt, ist Rot-Weiß für viele Erfurter anscheinend nur noch eine Belastung. “Die meisten Erfurter stehen dem Klub skeptisch gegenüber,” sagt einer. Man werde ständig gefragt, warum man mit dem Verein etwas zu tun habe.

Katastrophale Entwicklung

Das hängt mit der katastrophalen Entwicklung der vergangenen Jahre zusammen. Vor allem der Stadionneubau und die damit verbundenen Investitionen haben den Verein unpopulär gemacht. Zwar wurde das Projekt auch teilweise mit EU-Fördermitteln finanziert, diese müssen aber gegebenenfalls in den nächsten Jahren zurückgezahlt werden, sollten die daran geknüpften Bedingungen nicht erfüllt werden: ein trauriges Beispiel für die chaotische Verwaltung dieses Vereins.

Dass die aktuellen Probleme in erster Linie mit schlechtem Management zu tun haben, steht für die Fans außer Frage. Aber RWE ist eben kein Einzelfall. Im “Teufelskreis” der Dritten Liga geht es zahlreichen anderen Vereinen ähnlich. Der Lizenz sei zu teuer und die Einkünfte zu gering, sagt einer in der Runde.

Lieber Champions League im Fernsehen

Während der Spitzenfußball boomt, leiden kleinere Vereine unter den Folgen. Heutzutage, meint einer, würden die meisten Fans lieber europäische Spitzenteams im Fernsehen gucken, als dass sie ins Stadion gehen. Es sei mittlerweile auch nicht unüblich, dass die Leute aus Erfurt nach Leipzig fahren, um in der großen Red-Bull-Arena den unbeliebten RB anzuschauen.

Dass der europäische Spitzenfußball den Kleinen die Luft wegnimmt, ist keine neue Erkenntnis. Bisher richten sich die Proteste aber nur gegen die nationalen Verbände, den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und den Ligaverband DFL. Dabei ist das Problem ein europäisches: “Überall in Europa gibt es ähnliche Probleme“, sagt ein Erfurter in der Runde. “In Italien haben kleinere Vereine Schwierigkeiten, in England sind viele schon verschwunden.”

Kann der Fußball Grenzen überwinden?

Warum versucht man also nicht, auf europäischem Niveau Druck auszuüben? Glaubt man verständlicherweise, dass man vom europäischen Verband UEFA nicht viel erwarten darf, könnte man trotzdem über politische Kanäle versuchen, sich für die kleinen Klubs einzusetzen. Um eine europäische Bürgerinitiative ins Rollen zu bringen, bräuchte es eine Million Unterschriften. Wäre das nicht möglich, wenn all die kleinen Vereine Europas einmal zusammenarbeiten würden?

Ob sich dies umsetzen lässt, mag man in Erfurt bezweifeln. Es sind aber in der Runde alle einig, dass der Fußball Grenzen überwindet, und zwar nicht nur in der kommerzialisierten Welt der Champions League. Fußball, sagt Sven, ist Teil der europäischen Kultur. Nicht jeder in der Runde sieht sich aber als Europäer. Felix, zum Beispiel, versteht sich als Erfurter, Thüringer, Deutscher. Europäer würde er sich nie nennen. Doch auch für ihn heißt Europa Freizügigkeit und Frieden: etwas, das es zu verteidigen gilt.

Den europäischen Gedanken zu verstehen, fällt einem Fußballfan schließlich sehr leicht. „Würde man sich in einer Bar in Belgrad neben einem Unbekannten hinsetzen, dann könnte man wohl sofort über zwei Sachen reden“, sagt Sven: „erstens die Biersorte, und zweitens den Fußball“.

Die Journalisten Kit Holden und Onno Falkena sind Mitglieder der Basisgruppe von „Wir sind Europa“.

Fotos: Nele Kirchner/Stiftung Zukunft Berlin