Viele Menschen brennen für Europa und nehmen die derzeitige Unsicherheit zum Anlass, selbst aktiv zu werden, so das Fazit der Debatte „Open Space Europe“ in Gelsenkirchen. Die Veranstaltung bildete den Abschluss der mehrtägigen Aktivitäten des Projekts „Wir sind Europa“ vor Ort.

 

Von Nicole Reuter 

„Gelsenkirchen ist mitten in Europa“, davon ist die 1. Bürgermeisterin der Stadt, Martina Rudowitz, überzeugt und betonte bei ihrer Eröffnungsrede die Bedeutung des europäischen Projekts: „Wir haben seit 70 Jahren Frieden, weil es die Europäische Union gibt.“

Dass Gelsenkirchen nicht nur geographisch mitten in Europa liegt, davon zeugen die Gespräche und Begegnungen im Rahmen der „Europawerkstatt“, die nach drei Stationen in Ostdeutschland nun zum ersten Mal im Westen der Republik stattfand.

Dennoch, weniger als drei Monate vor der Europawahl im Mai herrscht bei vielen Europäern Verunsicherung ob der turbulenten Zeiten. Wie soll es mit und in Europa weitergehen? In Gelsenkirchen scheint die Antwort deutlich auszufallen: weniger Empörung über das, was in Europa passiert und stattdessen die Situation zum Anlass nehmen, selbst aktiv zu werden.

Europa bekommt Kraft von der Basis

 

Beim Open Space in der Gelsenkirchener „flora“ konnten die rund 80 Teilnehmenden sich unmittelbar von dem Engagement, das überall in der Stadt gelebt wird, überzeugen. Vor allem junge Menschen scheinen hier für Europa zu brennen. Ein Beispiel dafür ist Jannis Krampe von der pro-europäischen Partei „Young European Spirit“, der darüber berichtete, wie sich die ehemalige Schülerinitiative innerhalb kürzester Zeit zu einer Partei mit Europaambitionen entwickelte. Dadurch sollen vor allem auch junge Menschen inspiriert werden, Europa selbst in die Hand zu nehmen. Auch im Bereich Kultur tut sich einiges im Ruhrgebiet. Einer der Akteure ist Georg Kentrup, der als Theaterleiter des Consol Theaters mit fünf europäischen Partnertheatern zusammenarbeitet, um Jugendliche für Europa zu begeistern. Volker Hassemer, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zukunft Berlin, zeigte sich beeindruckt: „Europa bekommt jetzt Kraft von der Basis. Das ist eine wunderbare Entwicklung.“

Die Zuversicht in die junge Generation wurde auch von Pieter Boeder geteilt, der zusammen mit dem Journalisten Patrick Herrmann und Levan Khetaguri zwei Tage zuvor einen Fotoworkshop leitete, bei dem Jugendliche aus Gelsenkirchen ihre Sicht auf Europa in Bildern festhalten konnten. Eine Auswahl der dabei entstandenen Bilder wurde auch beim Open Space ausgestellt. Zusammenhalt, Frieden, Wertschätzung und Diversität waren Themen, die die Teilnehmenden des Fotoworkshops mit Europa in Verbindung brachten.

Wie gut kennt Berlin Gelsenkirchen?

Anke Plättner im Gespräch mit Gianluca Bruno von Pulse of Europe. Foto: Ines Walter

Doch neben der Euphorie für Europa kam auch die Verunsicherung einiger Bürgerinnen und Bürger zur Sprache. Ein Gespräch zwischen drei Senioren aus Gelsenkirchen und dem ehemaligen Europaabgeordneten Jürgen Klute machte deutlich: Auch wenn die Ideale und Werte der EU durchaus geteilt werden, so ist die Sorge vor den Veränderungen in der Stadt doch groß, und die Menschen fühlen sich teilweise allein gelassen. Der Landtagsabgeordnete Sebastian Watermeier teilt diese Beobachtungen und sieht mehr Mitspracherecht und Einfluss der Länder bei den Entscheidungen der EU als wichtige Stellschraube. Entscheidungen werden häufig in Berlin getroffen – doch wie gut kennt Berlin die lokalen Gegebenheiten in Gelsenkirchen?

 

Demokratieverständnis durch Austauschprogramme

Die Europaabgeordnete Terry Reintke diskutierte mit Bürgerinnen und Bürgern in Gelsenkirchen. Foto: Ines Walter

Einigkeit herrschte darüber, dass eine demokratische Wertevermittlung wichtig ist, um Verunsicherungen entgegenzuwirken und die Menschen aufzuklären. Gianluca Bruno von Pulse of Europe machte deutlich, dass auch immer wieder auf die Funktion der EU als Werteunion hingewiesen werden müsse. Ein Weg das Demokratieverständnis, vor allem von Jugendlichen, zu schärfen, führt über europäische Austauschprogramme. Andere Länder, Menschen und Gegebenheiten kennenzulernen kann den Blick für das große Ganze schärfen. Für Sebastian Watermeier sind damit auch dringend notwendige Reformen bei EU-Programmen wie zum Beispiel Erasmus verbunden. Er fordert daher, Erasmus stärker „von unten“ zu denken. Bislang haben vor allem Studierende die Möglichkeit, einige Zeit im europäischen Ausland zu verbringen. Wichtig ist es, dieses Angebot auch Schülern und Auszubildenden zu ermöglichen sowie Menschen, die noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind. Auch Maria Jongenelen vom Verein aktuelles forum sieht großes Potential bei Jugendaustauschprogrammen. Gerade auch in Bezug auf die Integration von Roma könnten Aufenthalte in Osteuropa hilfreich sein.

Ideen, so scheint es, gibt es viele. Doch muss sich auch etwas an der Vermittlung dieser Ideen ändern, um Europa gelingen zu lassen. Für die Europaabgeordnete Terry Reintke ist es daher ein wichtiges Anliegen, die Diskussion über pro-europäische Themen emotionaler zu gestalten und so Menschen wieder für Europa zu begeistern – gerade auch im Hinblick auf populistische und nationalistische Strömungen in vielen Mitgliedsländern.

Ein Großteil der Menschen in Gelsenkirchen scheint vom europäischen Projekt jedenfalls bereits überzeugt zu sein.

 

 

Nicole Reuter arbeitet als Referentin für die Internationalen Journalisten-Programme (IJP) in Berlin und betreut die Pressearbeit bei „Wir sind Europa“.

Fotos: Ines Walter