Ich kenne eine Stadt am großen Strom, 

die hohe Häuser hat und einen Dom 

und diese Stadt mit „M“ beginnt‘ 

denn wir sind, wir sind, ein Magdeburger Kind.

(Magdeburger Lied, in den 60er und 70er Jahren in einigen Magdeburger Grundschulen gesungen)

Kennen Sie diese grammatikalisch leicht schiefen Zeilen? Wenn ja, sind Sie vermutlich selbst ein Magdeburger Kind. Und wenn nicht, kennen Sie vermutlich auch diese Stadt am großen Strom der Elbe nicht.

Von Sarah Brech

Es gibt Städte, in die man sich sofort verliebt. Wer einmal durch die friesischen Gässchen von Leeuwarden geschlendert ist, die uralten Höhlenwohnungen von Matera besichtigt hat oder die mittelalterliche Pracht Nürnbergs auf sich hat wirken lassen – der kehrt verzaubert von seiner Reise zurück. Leeuwarden war im vergangenen Jahr Kulturhauptstadt. Matera ist es dieses Jahr. Nürnberg will es 2025 werden. Magdeburg auch. Die Bewerbung läuft. 

Nun gehört Magdeburg nicht zu der Kategorie Städte, in die man sich sofort verliebt. Es gehört eher zu jener Kategorie Städte, an denen man vorbeifährt auf dem Weg nach Hamburg, Berlin oder in den Harz. Als hässlich gilt die ehemalige Stadt der Schwerindustrie, die im Zweiten Weltkrieg zu mehr als 60 Prozent zerstört wurde. Als ausländerfeindlich, seit 1994 ein rechtsextremer Mob eine Gruppe von Afrikanern durch die Stadt jagte. Als Stadt ohne Chancen, der die eigenen Leute den Rücken zukehren – um mehr als 22 Prozent sank die Einwohnerzahl nach der Wende. Kurz gesagt: Magdeburg hat ein Imageproblem. 

Magdeburg ist keine klassische Schönheit

Oliver Scharfbier ist künstlerischer Leiter des KUBUS 20205 (Foto: Felix Paulin)

„Hier sind ja in den 90ern Zigtausende Arbeitsplätze von einem Tag auf den anderen verloren gegangen“, erklärt Oliver Scharfbier. „Das hat dazu geführt, dass das Selbstbewusstsein in dieser Stadt eingeknickt ist. Wir denken, wir hätten das alles hinter uns und es sei schon lange her. Aber das ist nicht so. Die Narben haben sich in die Stadtgesellschaft eingegraben.“

Scharfbier ist künstlerischer Leiter des KUBUS 2025, eines gläsernen Gebäudes in der Innenstadt, zwischen Klosterkirche und Elbe, in dem die internen und öffentlichen Debatten um die Kulturhauptstadt-Bewerbung stattfinden – etwa die monatlichen Kulturgespräche. Wer hier entlanggeht, sieht, wie Magdeburg eben auch ist: weit. Grün. Plattenbauten neben mittelalterlichen Mauern. Dazwischen das ein oder andere Gebäude aus Gründerzeit oder Barock. Die nüchterne Fassade des Doms, des ersten gotischen Bauwerks Deutschlands überhaupt. 

Magdeburg ist keine klassische Schönheit. Die Narben, von denen Scharfbier spricht, sieht man der Stadt auch äußerlich an. Nicht nur der Zweite Weltkrieg verwüstete die Stadt. Schon im Dreißigjährigen Krieg wurde das prachtvolle, blühende Magdeburg – damals eine der größten und reichsten Städte des Reichs – von den kaiserlichen Truppen verwüstet. 20.000 Einwohner wurden ermordet. Magdeburger Bluthochzeit nannte man das Ereignis später und erfand sogar ein eigenes Verb: magdeburgisieren gleich vernichten.

 

Theures Magdeburg, du kannst mit Wahrheit sagen,

Daß dich des Höchsten Hand sehr offt und hart geschlagen,

Und durch Eroberung, durch Feuer, Krieg und Schwert

Nicht selten Deinen Glanz in Asch‘ und Staub gekehrt.

(Das zerstöhrete und wieder aufgerichtete Magdeburg, Sethus Heinrich Calvisius, 1727)

 

 

Im KUBUS 2025 finden die Debatten um die Kulturhauptstadt-Bewerbung statt. (Foto: Felix Paulin)

Die meisten Überlebenden verließen die Stadt, einige Hundert bauten auf den Ruinen Neues auf. Das alles überstand wiederum den Zweiten Weltkrieg nicht. Als bei einem der schwersten Luftangriffe im Januar 1945 britische Flugzeuge Bomben auf Magdeburg warfen, starben mindestens 2.000 Menschen. 90 Prozent der Altstadt waren danach zerstört. Zu DDR-Zeiten wurde nur wenig wiederaufgebaut, vielmehr riss man viele der Ruinen komplett ab. Magdeburg wurde eine Stadt der Arbeiter. Zehntausende schafften allein im Schwermaschinen-Kombinat „Ernst Thälmann“.

Nach der Wende änderte sich das. Die Jobs verschwanden, und mit ihnen gingen die jungen Magdeburger. Die Stadt verlor mehr als ein Fünftel ihrer Einwohner. Die Arbeitslosigkeit lag zeitweise bei 20 Prozent. Noch mehr Narben. Sie prägen nicht nur die Stadtgesellschaft, nicht nur ihr Gesicht – sie prägen auch den Ruf der Stadt.

Vielfalt wird in Magdeburg bewusst gelebt

Dabei könnte der mittlerweile viel besser sein. Die Arbeitslosigkeit ist drastisch gesunken und liegt um die acht Prozent. Wer durch die Stadt läuft, sieht viele junge Gesichter – Magdeburg hat zwei Hochschulen – und auch einige mit anderer Hautfarbe. Magdeburg hat inzwischen einen Ausländeranteil von 9,4 Prozent (Bundesschnitt: zwölf Prozent), fast 2.100 dieser ausländischen Bürger sind zum Studieren hergekommen. Bei der vergangenen Bundestagswahl haben hier 16,2 Prozent AfD gewählt. Das ist mehr als im Bundesschnitt (12,6 Prozent), aber weniger als etwa in Dresden, wo es 22,5 Prozent waren (und das sich ebenfalls um den Titel Kulturhauptstadt bewirbt).

Viele Magdeburger stürzen sich auf die Chance, ihre Stadt herzuzeigen. Als das Bewerbungsteam im vergangenen Jahr eine Aktion ausschrieb für Projekte, die schon vor 2025 unterstützt werden sollen, meldeten sich 109 Interessierte. 13 davon wählte das Team aus. „An einem Wochenende im Juli wird zum Beispiel die syrische Kultur durch verschiedene Sichtweisen des Alltags in Magdeburg gezeigt“, erzählt Andrea Jozwiak, die bei „Magdeburg 2025“ für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. „An einem anderen veranstalten wir unter dem Motto ‚Girls in Action‘ am Internationalen Mädchentag ganz viele Mitmach-Aktionen für Mädchen.“

Andrea Jozwiak, Sprecherin bei Magdeburg 2025, kam einst zum Studieren in die Stadt. (Foto: Felix Paulin)

Jozwiak stammt, wie ihr Kollege Oliver Scharfbier, selbst nicht aus Magdeburg. Die junge Frau ist einst zum Studium in die Stadt an der Elbe gezogen. Und obwohl sie zwischendurch woanders gelebt hat, ist sie zurückgekommen. „In Magdeburg kann man so viel selbst machen“, sagt sie, „und vor allem: Man sieht, was man bewegt hat.“ Scharfbier sagt, dass es bei der Bewerbung nicht um Stadtmarketing gehe, sondern um ein „visionäres Ziel: Wie wollen wir in dieser Stadt in Zukunft leben?“ Es gehe darum, die Stadt zusammenzubringen. Als Leitgedanken hat das Bewerbungsteam „Verantwortung“ ausgesucht. 

Jozwiak zählt die Vorzüge Magdeburgs auf: Vielfalt werde hier bewusster gelebt, als Außenstehende das vielleicht dächten. „Hier gibt es viele internationale Studierende. Das belebt die Stadt natürlich. Alle zwei Jahre feiern wir das Fest der Kulturen. Es ist immer wieder schön zu sehen, dass so viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturen hier leben. Es gibt hier außerdem das Eine-Welt-Haus, eine in Sachsen-Anhalt einmalige Institution. Die Mitarbeiter versuchen, Zugezogenen aus anderen Ländern den Start in Magdeburg so leicht wie möglich zu gestalten.“ 

Von einem Imageproblem will sie nicht sprechen. Eher, sagt sie, sei noch zu wenig bekannt, wie schön Magdeburg eigentlich sei. „Wenn man zum Beispiel das Wort oder Symbol Dom hört, denkt man eher an Köln als an die Ottostadt.“ Ottostadt nennt sich Magdeburg seit 2010, in Erinnerung an den mittelalterlichen Kaiser Otto den Großen, der Magdeburg im zehnten Jahrhundert zu seinem Machtzentrum ausbaute und den Magdeburger Erfinder Otto von Guericke aus dem 17. Jahrhundert. Auch das ein Versuch, an frühere, große Zeiten anzuknüpfen – und eine Marke zu schaffen.

Die Konkurrenz ist groß

Einige der Konkurrenten um den Platz der Kulturhauptstadt seien bei Touristen bekannter, räumt Jozwiak ein. Magdeburg habe zwar auch Touristen – vor allem Radfahrer. Sie kommen über den Elberadweg, der Deutschlands beliebtester ist. Aber man wolle erreichen, sagt Jozwiak, dass Menschen sich Magdeburg bewusst als Ziel aussuchen. „Es können gern noch viel mehr kommen.“

Die zwei Hochschulen bringen auch viele internationale Studierende nach Magdeburg (Foto: Andreas Lander)

Magdeburg werde von den Leuten noch nicht als Kulturstadt gesehen, sagt Scharfbier. Doch: „Das größte Missverständnis ist, dass man erst Kultur bieten muss und dann Kulturhauptstadt werden kann. Es ist genau umgekehrt. Wir wollen durch den Prozess der Bewerbung die Stadt verändern und zur Kulturstadt werden. Für die Bewerbung arbeiten wir heraus, wo wir hinwollen. Dann kann man auch Konkurrenten wie Dresden ins Gesicht blicken, ohne blass zu werden.“

Beide wissen natürlich, dass es nicht einfach wird. Acht Städte konkurrieren um den deutschen Platz. Der Bewerbungsprozess ist aufwändig. Bis September 2019 müssen die Bewerbungen, die sogenannte Bid Books, bei der Kulturstiftung der Länder eingereicht werden. Eine Jury entscheidet dann, welche Kandidaten weiterkommen. Diese müssen bis zum Sommer 2020 eine detailliertere Bewerbung vorlegen. 

Mit der Begeisterung der Magdeburger jedenfalls kann das Bewerbungsteam rechnen – und punkten. Einige sind schon seit 2011 dabei, als der Stadtrat erstmals beschloss, sich zu bewerben. Damals sollte das Datum für die deutsche Kulturhauptstadt noch 2020 lauten. Als es fünf Jahre nach hinten verschoben wurde, blieb die Stadt trotzdem dran. „Viele fragen schon, wann es endlich losgeht“, sagt Scharfbier.

Im Herbst 2020 werden sie es wissen. Dann steht fest, welche deutsche Stadt Europas Kulturhauptstadt 2025 wird. 

Wir sind Otto, ist doch klar,

weil Otto hier ja auch schon war.

Wir sind ganz stolz auf uns’re Stadt

die viel Kultur für jeden hat.

(Auszug aus dem längsten Weihnachtslied der Welt, das die Magdeburger auf Bitten ihrer Weihnachtsmarkt GmbH im vergangenen Jahr verfassten. 687 Strophen sind es geworden. Diese stammt von Eva Jaeger.)

Sarah Maria Brech ist Journalistin in Berlin und Mitglied der Basisgruppe von „Wir sind Europa“.

Fotos: Felix Paulin / Andreas Lander