Europäische Kulturhauptstadt 2025 – eine Stadt bewirbt sich. Welche kulturelle Vielfalt bietet Zittau für Europa und an welcher Stelle stehen hier die Sorben?  

Von Stefan Hauer

Als ich in meinem Freundeskreis erwähnt hatte, dass ich Anfang Juni mit der Projektgruppe „Wir sind Europa“ nach Zittau fahre, waren einige doch sehr erstaunt: Warum ausgerechnet Zittau? Wo genau liegt das überhaupt?  Gibt es nicht weitaus attraktivere Städte in Ostdeutschland, und inwiefern ist Zittau für Europa bedeutend?

Ich hatte an dieser Stelle nicht erwartet, dass jeder Zittau geografisch und historisch einzuordnen weiß.  Insofern waren die Fragen durchaus berechtigt. Bestenfalls kennt man die Barockstadt Dresden, die Sorben-Hochburg Bautzen oder das architektonisch liebevoll sanierte Görlitz direkt an der Grenze zu Polen. Doch von dort sind es nach Zittau nur etwa eine halbe Stunde Autofahrt, wenn man der vierspurigen Schnellstraße folgt.

Die Große Kreisstadt Zittau ist die zweitgrößte Stadt im Landkreis Görlitz und die fünftgrößte in der Oberlausitz. Sie liegt direkt am Fuße des Zittauer Gebirges, dem kleinsten Mittelgebirge in Europa, im äußersten Südosten Sachsens und im Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien.

Bereits Mitte des 14. Jahrhunderts erlangte Zittau durch den Sechsstädtebund mit dem Tuchhandel und der Leinenweberei Reichtum und Macht, und der damalige Reichtum spiegelt sich noch heute in einigen architektonischen Schätzen wider. So zählt die nach den Plänen von Karl-Friedrich Schinkel im Jahre 1837 fertiggestellte klassizistische Johanniskirche zu den beeindruckendsten Bauwerken der Stadt, ebenso das Zittauer Rathaus, das zwischen 1840 und 1845 im Stil der Neorenaissance errichtet wurde. Selbst die Verwahrlosung der Bausubstanz zur DDR-Zeit zog 1990 etwas Gutes nach sich. Im Vergleich zu vielen westdeutschen Städten, wo einige Gebäude in der Nachkriegszeit „totsaniert“ wurden, führte man in Zittau nach der Wende Sanierungsmaßnahmen durch, die sich streng an den Denkmalschutzauflagen orientierten. Der ursprüngliche Charakter dieser Bauwerke wurde damit wieder zum Leben erweckt. Darunter zählt unter anderem die gotische Heilig Kreuz Kirche, in deren Museum das einzig in Deutschland erhaltene und weltweit drittgrößte „Große Zittauer Fastentuch“ zu sehen ist.

Bürgerentscheid für die Kulturhauptstadtbewerbung

Man muss aber nicht unbedingt in die vergangenen Jahrhunderte reisen, um die Glanzzeiten der Stadt zu erforschen, denn heute steht Zittau selbstbewusst unter einem neuen und zugleich richtungsweisenden Licht der Öffentlichkeit: Stellvertretend für die Region Oberlausitz und das Dreiländereck mit seinen Partnern in Tschechien und Polen wird Zittau sich um den Titel als Europäische Kulturhauptstadt 2025 bewerben. Diese Entscheidung basiert auf dem Ergebnis eines Bürgerentscheids. Am 26.Mai 2019 stimmten knapp 75 Prozent der wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger der Stadt der Bewerbung zu. Jetzt muss Zittau ein Bewerbungsdossier – das sogenannte „Bid-Book“ – zusammenstellen, das bereits im September 2019 eingereicht wird. Anschließend verbleiben noch zehn Monate, um die Bewerbung auszuarbeiten.

Die Europäische Union vergibt den Titel Kulturhauptstadt Europas jedes Jahr an mindestens zwei Städte. Diese haben die Aufgabe, sowohl die Vielfalt als auch die Gemeinsamkeiten und den Reichtum des kulturellen Erbes Europas hervorzuheben und erlebbar zu machen. Die Menschen sollen dabei ein besseres Verständnis füreinander und für sich selbst als Bürger Europas entwickeln.

Zittau hat im Rahmen der Bewerbung bereits fünf für die Region relevante thematische Schwerpunkte festgelegt. Dabei geht es um Fragen wie Mobilität im ländlichen Raum, den Umgang mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges sowie wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand durch regionale Vernetzung und Zusammenarbeit; aber auch um Kooperationen mit der slowenischen Bewerberstadt Nova Gorica. Hier sollen Brücken und Flüsse als Symbole der Begegnung, aber auch Trennung eine besondere Rolle spielen. Doch vor allem geht es um die Frage, wie Europa im Alltag funktioniert.

Kultur spielt dabei die wichtigste Rolle, denn Kultur ist nicht nur Tanz, Theater, Museen und Musik. Vielmehr spiegelt sie sich in unserem täglichen Leben wider, sei es in unserer historischen Vergangenheit, in unserer Sprache, in den Geschichten, die wir erzählen, aber auch in der Landschaft, von der wir umgeben sind und in den Häusern, in denen wir wohnen. Selbst im Umgang mit unseren Kollegen, Nachbarn, Freunden, Partnern und Familienmitgliedern kommt der Kulturaspekt immer wieder zum Tragen. Daraus ergibt sich die Frage, welche Rolle die kulturelle Vielfalt einer Region für Europa spielt und inwieweit diese unter dem Schild Europäische Kulturhauptstadt zukünftig noch weiter gelebt werden kann.

Welche Rolle spielt die Kultur der sorbischen Minderheit in der Region?

Genau an diesem Punkt wollten wir vom Projekt „Wir sind Europa“ anknüpfen, mit dem  Hauptaugenmerk auf die Sorben, eine in der Lausitz lebende westslawische Minderheit. Ziel war es, herauszufinden, ob und in welcher Form die Sorben und deren Kultur eine tragende Rolle bei der Bewerbung für die Kulturhauptstadt Europas spielen könnten? Zwar leben in Zittau so gut wie keine Sorben, doch im 50 km entfernten Bautzen liegt das Zentrum der sorbischen Minderheit, das einen starken Einfluss auf die Region ausübt.

Auf Initiative von „Wir sind Europa“ trafen sich im Juni Vertreterinnen und Vertreter der sorbischen Minderheit aus Bautzen zum Gespräch mit Verantwortlichen des Kulturhauptstadtbüros 2025 in Zittau.

So trafen wir uns im Rahmen unserer Europawerkstatt in Zittau zu einem Gedankenaustausch mit Vertreterinnen und Vertretern der sorbischen Minderheit aus Bautzen und mit Verantwortlichen des Kulturhauptstadtbüros 2025. Bereits zu Beginn des Gespräches stellte man sich die Frage, „welche Story mit dem Titel Kulturhauptstadt Europas erzählt werden soll und an welcher Stelle die Sorben in Erscheinung treten könnten“?  Es irritierte dann doch ein wenig, dass zu dieser Frage noch keine passende Antwort formuliert werden konnte. Sind in einigen Gebieten der Region die Menschen weitaus weniger mit der sorbischen Kultur vertraut, als ich ursprünglich angenommen hatte? Spricht man ideell betrachtet doch nicht dieselbe Sprache? Gleichzeitig erinnerte ich mich an eine Aussage, die ich immer wieder im Rahmen von internationalen Kultur-  und Jugendaustauschprogrammen höre: „Sprache ist der Schlüssel zum Verständnis der Kultur“.

 

Sprache als Schlüssel zum Verständnis der Kultur

 

Als hätte Clemens Škoda vom Dachverband Domowina – Bund der Lausitzer Sorben e.V. meine Gedanken lesen können, machte er den Vorschlag, bei der Bewerbung das Augenmerk auf die sorbische Sprache – als Teil der kulturellen Vielfalt – zu richten.

Das Sorbische zählt zu den wesentlichen Merkmalen der sorbischen Volkszugehörigkeit und Identität. Es gehört zur Gruppe der westslawischen Sprachen. Im sorbischen Siedlungsgebiet in der Lausitz findet man überall zweisprachige Ortsschilder und Bezeichnungen an öffentlichen Gebäuden in deutscher und sorbischer Sprache.

Gegenwärtig leben ca. 60.000 Sorben in der Lausitz, von denen laut offizieller Schätzung nur noch 20.000 ihre Muttersprache sprechen. Allerdings entwickelte sich im Laufe der vergangenen Jahre ein stärkeres Traditionsbewusstsein. Um dem Aussterben der sorbischen Sprache entgegenzuwirken, wird mittlerweile in der Lausitz an vielen öffentlichen Schulen Sorbisch als Unterrichtsfach angeboten. Zudem senden MDR und RBB-Programme in sorbischer Sprache, und in Bautzen gibt es eine eigene sorbische Tageszeitung, die „Serbske Nowiny“ mit einer Auflage von 2.000 Exemplaren.

Aber auch schon nach der Wende wurde der Schutz der Sorben sowohl auf der europäischen Ebene als auch auf der Ebene der Bundesregierung und der Länder (Freistaat Sachsen und das Land Brandenburg) festgelegt. Damit sind bereits seit Längerem Rahmenbedingungen geschaffen worden, um die sorbische Sprache, Kultur und Überlieferung zu bewahren und zu fördern. Deshalb ist heute eine stabile finanzielle und organisatorische Infrastruktur vorhanden, die sich in zahlreichen Vereinen, Initiativen sowie in der Stiftung für das sorbische Volk widerspiegelt. Für die im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas angestrebten Kooperationen und den damit verbundenen Vernetzungsgedanken kann dies nur förderlich sein, und zwar nicht nur auf dem Gebiet der Sprache, sondern auch in den Bereichen der darstellenden und bildenden Kunst sowie Brauchtum und Sport.

Die Gesprächspartner begrüßten den Vorschlag, die sorbische Sprache und Kultur in die Bewerbung aufzunehmen, wobei hier ergänzend betont wurde, nicht allein auf den Aspekt der „Zweisprachigkeit“ zu setzen. Aufgrund der geografischen Lage haben Tschechisch und Polnisch eine ebenso wichtige Bedeutung. So wird in Zittau Tschechisch sowohl an öffentlichen Schulen als auch an der Volkshochschule angeboten, ähnliche Angebote gelten für Polnisch in Görlitz.


Viersprachigkeit als Zeichen der kulturellen Vielfalt der Dreiländerregion

Die „Viersprachigkeit“ (Deutsch, Sorbisch, Tschechisch und Polnisch) ist nur eins von vielen, aber ein durchaus repräsentatives Beispiel für die kulturelle Vielfalt der Region. Deshalb sollte sie als Kapitel im „Bid-Book“ erscheinen. Sie stellt ein Alleinstellungsmerkmal der Zittauer „Story“ gegenüber denen der anderen mitteldeutschen Bewerber wie Magdeburg, Chemnitz, Gera und Dresden dar.

Es gibt bereits zahlreiche trinationale Kulturprojekte in Zittau, wie zum Beispiel das Theaterfestival J-O-Ś

Zittau bietet noch weitere Anknüpfungspunkte, die in Verbindung mit Sprache und Kultur stehen. Bereits nach dem Mauerfall und seit dem EU-Beitritt von Polen und Tschechien sind zahlreiche grenzübergreifende Kulturprojekte entstanden. Einige zählen heute zum festen Bestandteil des kulturellen Lebens in der Region, darunter das einmal jährlich im Zittauer Gerhart-Hauptmann Theater stattfindende trinationale Theaterfestival J-O-Ś. Gemeinsam mit den Theaterpartnern aus dem polnischen Jelenia Góra und der tschechischen Partnerstadt Liberec werden Stücke auf der Bühne präsentiert, die aktuelle Themen, ungewohnte Spielweisen und neue Perspektiven der jeweiligen Länder auf die Bühne bringen. Auch das Neiße Filmfestival gehört heute zu den bedeutsamen Kulturinitiativen der Region. Einzigartig ist der genreübergreifende trinationale Charakter mit grenzüberschreitenden Filmvorführungen und Veranstaltungen an zahlreichen Spielorten im Dreiländereck. Ferner ist für Schulen, Vereine und insbesondere für Unternehmen die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Nachbarländern zur Selbstverständlichkeit geworden.

Potenziale für grenzüberschreitende Kooperationen gibt es viele

Es finden sich in der Region aber auch Anknüpfungspunkte, deren Potenziale für Kooperationen und Vernetzung noch längst nicht ausgereift sind. Unter anderem trifft dies auf die Auseinandersetzung mit der historischen Vergangenheit zu. In einem Gespräch, das ich im Nachgang zu dem Treffen Anfang Juni mit Sandra Scheel vom Kulturhauptstadtbüro geführt habe, wurde deutlich, dass die Vertreibung der Deutschen aus Schlesien und aus dem heutigen Tschechien nach Ende des Zweiten Weltkrieges, die erschwerten Reisebedingungen in die Ostblockstaaten zur DDR-Zeit oder der Verlust der Arbeitsplätze und die damit verbundene Perspektivlosigkeit nach der Wende bei so manchen – vor allem bei der älteren Generation – noch immer tief im Gedächtnis verankert sind. Die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen und das Interesse an einem grenzüberschreitenden Austausch muss daher umso mehr gefördert werden.

An dieser Stelle lässt sich wieder der Bogen zum Thema „Viersprachigkeit“  im Dreiländereck spannen. Realistisch betrachtet stehen die Sprachen in einem noch nicht ausgewogenen Verhältnis zueinander. Kenntnisse der beiden osteuropäischen Sprachen bzw. die Bereitschaft, diese zu lernen, sind laut Sandra Scheel auf deutscher Seite kaum sichtbar, trotz vorhandenen Sprachkursangeboten. Inwiefern dies mit den Erfahrungen aus der historischen und politischen Vergangenheit zu tun hat, kann man nur schwer beurteilen. Sicherlich ist es jedoch ein Zeichen dafür, dass die europäische Integration auf der zivilgesellschaftlichen Ebene an einigen Stellen noch Schwächen aufweist.

Beim Expertengespräch in Zittau ging es Anfang Juni um die Frage: Welche Möglichkeiten gibt es, die sorbische Kultur mit in die Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 einfließen zu lassen?

Die Dissonanzen stellen aus meiner Sicht nicht unbedingt einen Nachteil dar. Vielmehr schaffen sie einen Anreiz, sich noch intensiver mit den kritischen Fragen auseinanderzusetzen – sei es in Bezug auf  die regionale Identität, die Hindernisse, sich auf einen grenzüberschreitenden Austausch einzulassen oder die Erschließung neuer Potentiale, die sich mit den bereits vorhandenen sinnvoll verknüpfen lassen, so dass sie für Europa einen Mehrwert darstellen.

Das Kulturhauptstadt-Projekt bietet ohne Zweifel eine große Chance, Plattformen und Projekte, in deren Rahmen bereits Möglichkeiten für einen regen europäischen Austausch vorhanden sind, gezielt auszuweiten und damit zu stärken. Gleichzeitig können neue Initiativen entwickelt werden, die der Bevölkerung aufzeigen, wie Europa funktionieren kann und die auf gutes Miteinander statt auf Abgrenzung und gegenseitiges Misstrauen setzen. Die Bürgerinnen und Bürger sollen eingeladen werden, sich damit auseinanderzusetzen, um anschließend selbst zu entscheiden, inwiefern sie zur kulturellen Vielfalt Europas beitragen und somit auch die europäische Integration unterstützen können. Insofern erscheint auch die bereits erwähnte Einbindung der sorbischen Sprache und Kultur sinnvoll, denn sie bietet das Potenzial, auf deutscher Seite ein ernsthaftes Interesse an slawischen Sprachen und Kulturen zu generieren.

Politische Herausforderungen

Zittau möchte Europäische Kulturhauptstadt 2025 werden: mehr als 74 Prozent der Bürgerinnen und Bürger haben dafür gestimmt.

Nun gilt es, weiterhin alles daran zu setzen, den Zuschlag für den Titel als Kulturhauptstadt Europas zu bekommen. Dafür müssen die Akteure, die an dieser Initiative beteiligt sind, gemeinsam an einem Strang ziehen. Eine besonders hohe Herausforderung stellt hier jedoch die starke Präsenz der AfD dar. Bei der Kommunalwahl Ende Mai 2019 hat in Zittau die Partei mit 25 Prozentpunkten die meisten Stimmen erlangt. Sie bildet somit in den kommenden fünf Jahren die stärkste Fraktion im Stadtrat. Während ein Viertel der Zittauer Wählerinnen und Wähler für die AfD gestimmt hat, wollen drei Viertel, dass ihre Stadt sich als Kulturhauptstadt Europas bewirbt. Zweifellos stehen auch die über 28% der Stimmen bei den parallelen Europawahlen für die EU-skeptische und für die Wahrung nationaler Interessen eintretende AfD im Gegensatz zu den knapp 75% Pro-Stimmen für die Bewerbung als für Offenheit und Internationalität stehende Kulturhauptstadt Europas.

Sicherlich wird es kein sehr leichtes Unterfangen sein, die AfD-Anhänger für die europäische Reise ins Boot zu holen. Insofern bleibt abzuwarten, wie diese verlaufen und wohin sie führen wird. Auf jeden Fall wird es eine weite und zugleich spannende Reise werden oder, wie Sandra Scheel auf dem Treffen Anfang Juni treffend formulierte, „ein langer Prozess, bis man (tatsächlich) im vollen Umfang gemeinsam aufeinander zugehen kann“. Die Chancen stehen meines Erachtens dennoch gut, denn der Prozess konnte, dank bereits bestehender Initiativen, schon in Gang gesetzt werden. Und vielleicht werden auch meine Freunde im Jahre 2025 nicht mehr dieselben Fragen wie neulich stellen.

 

Als Projektgruppenmitglied von „Wir sind Europa“ unterstützt Stefan Hauer die Initiative seitens der Internationalen Journalisten-Programme. Er ist Experte für Deutsch als Fremdsprache, leitet Seminare zur Berliner Geschichte, Kultur und Politik für Erasmusstudierende an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin und ist Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Norwegischen Jugendforums, ein gemeinnütziger Verein zur Förderung des Dialogs beider Länder.