Von Mathies Rau

Mit welchem Bewusstsein erlebe ich meine eigene Biographie, meine eigene Geschichte in Europa und, mehr noch, als Teil der Europäischen Union? Eine Frage, die sich durchaus zu stellen lohnt, wie ein kleines Experiment im Vorfeld des Open Space Europe in Cottbus gezeigt hat. 

Bei einem Schreibworkshop unter dem vagen Thema ‚Meine Geschichte für Europa‘ treffen Jugendliche und Erwachsene zwischen vierzehn und vierzig Jahren zusammen und versuchen ein gemeinsames literarisches Bild zu zeichnen. 

Teilnehmer der Schreibwerkstatt am Piccolo Theater in Cottbus

Ein klassisches Setup ist angedacht, Workshopleiter*innen und Dokumentator*innen haben Schreibspiele und Impulse vorbereitet, jugendliche Teilnehmer*innen produzieren Texte und präsentieren diese – so weit, so normal. Doch das Konzept scheitert in der ersten Minute, ein Glücksfall für alle Teilnehmenden. Denn die Europäische Union wird mit zunehmender Jugend diffuser. Haben die ältesten Teilnehmer*innen noch einigermaßen bewusst den Weg hin zur Europäischen Union erlebt, die Deutsche Einigung, den Zusammenbruch der Sowjetunion, so verbringen die Jüngsten bereits ihr gesamtes Leben in einem mehr oder weniger stabilen Status Quo. Einheitswährung, Freizügigkeit, Frieden und internationaler Austausch sind für sie Normalität. Eine Normalität die sie wertschätzen. Allerdings keine Normalität die sie permanent beklatschen müssten.

Natürlich ist ein Projekt, das unter dem Motto ‚Wir sind Europa‘ einen Open Space ausrichtet, proeuropäisch. Auch ihre Kooperationspartner*innen werden die Europäische Union nicht für eine schlechte Idee halten, denn die Europäische Union ist eine gute Idee, davon bin ich überzeugt. Was ich als Workshopleiter vor allem von einer jungen Generation lernen konnte, der man nicht mehr erzählen braucht, dass Europa ganz toll ist, ist, dass wir mehr Diskurs über Entwicklung brauchen. Wir sollten uns nicht einlassen auf Diskussionen, ob internationale Zusammenarbeit auf europäischer Ebene die Zukunft der europäischen Staaten ist. Wir sollten sehen, wie wir Europa aus der Stagnation führen und den Status Quo weiterentwickeln. Die Bürger*innen aller Generationen brauchen wieder eine gemeinsame Vision und einen neuen europäischen Gedanken. Damit die Alten wieder zu einer differenzierteren Sicht auf die Europäische Union gelangen und die Jungen Lust bekommen, ihre Energien in ein Projekt zu investieren, welches sie als dynamisch wahrnehmen.

So ging ein Workshop zu Ende, der überall persönliche Erkenntnisse produzierte, die sich zu verfolgen lohnen.

Mathies Rau arbeitet als Dramaturg am Kinder- und Jugendtheater Piccolo in Cottbus. Im Rahmen dieser Tätigkeit ist er zuständig für Organisation und Durchführung von Theaterprojekten und Festivals mit europäischem Austausch und internationalen Kooperationen.