Mit dem Mauerfall vor 30 Jahren wurde auch der Weg für ein geeintes und friedliches Europa geebnet. Wie haben die Menschen in der DDR die Ereignisse rund um den 9. November 1989 und die Zeit danach erlebt? Um das herauszufinden und mehr über ihre persönlichen Geschichten zu erfahren, sind wir in Cottbus mit Zeitzeugen ins Gespräch gekommen. Die niederländische Journalistin Lizzy van Winsen war bei den Gesprächen dabei und berichtet von ihren Beobachtungen.

Von Lizzy van Winsen 

Nachdem alle Teilnehmer der Zeitzeugenwerkstatt einen Platz am Tisch gefunden haben, fangen wir mit einer kurzen Vorstellungsrunde an. Was gleich auffällt: Nur wenige sind geborene Cottbuser. Was danach auffällt: Alle sind nach ihrem Zuzug irgendwie zu Cottbusern geworden. Für Julia Bohlmann, die das Gespräch führt, ist es eine Herausforderung alle zu Wort kommen zu lassen. Denn in den nächsten zwei Stunden wird mit viel Leidenschaft geredet und diskutiert. Über die stetige Veränderung der Stadt, aber auch über persönliche Lebensgeschichten.

Für die Werkstatt hat das Stadtmuseum Cottbus einen Raum zur Verfügung gestellt. Das passt gut, denn im Raum nebenan ist eine Ausstellung zur friedlichen Revolution in Cottbus zu sehen. Und genau darum soll es in unserem Gespräch auch gehen: Wie haben Sie die Wendezeit und die darauffolgenden Veränderungen in Europa erlebt? Vorab wurden die Teilnehmer gebeten einen Gegenstand mitzubringen, der für sie einen persönlichen Bezug zur Wendezeit hat.

So wie Dieter Schuster, geborener Cottbuser. In der DDR hat er eine Ausbildung zum Schlosser gemacht, lebte sowohl in Görlitz wie auch in Dresden. Letztendlich zog es ihn aber wieder zurück nach Cottbus, als er im Datenverarbeitungszentrum als Betriebsleiter eine Stelle fand. Dort wurden damals die Tabellen zur Unterstützung der Ministerien für Wirtschaft und Handel aufbereitet. Für seine Arbeit wurde ihm damals das Banner der Arbeit zugeschickt, eine der höchsten Auszeichnungen der DDR. Angekommen ist die Würdigung allerdings nie. Mittlerweile kann er darüber lachen, denn als Schuster seinen 60. Geburtstag feierte, schenkten ihm seine Kollegen den Orden – und zwar in Form einer Schokoladentafel, die er selbstverständlich nicht aufessen konnte. Das Ende einer Ära, die Wende war süß.

Zwischen Unsicherheiten und neuen Möglichkeiten 

Doch es war auch eine Zeit der Unsicherheit. Vor allem für diejenigen, die schon etwas älter waren, so erzählt es Edgar Kraus. Kraus wurde 1937 in Schlesien geboren und musste nach dem Krieg in einer neuen Umgebung ein neues Leben aufbauen. Er wollte studieren. Nachdem er einige Male den Wehrdienst verweigert hatte, wurde ihm allerdings klar gemacht, dass ein Studium so keine Option sei. Letztendlich gab er nach, absolvierte seine Wehrpflicht und studierte im Anschluss in Leipzig. 1966 kam er nach Cottbus. Der Stadt ging es gut. Fachkräfte wurde vor allem in der Energieversorgung gebraucht, denn die Braunkohleindustrie wuchs damals stark an. Doch nach der Wende ging es genauso schnell wieder bergab. Nach und nach wurden die Kraftwerke abgerissen, die Arbeit war weg.

Ähnlich erging es Gottfried Schierack aus Kamenz, nur zwei Jahren jünger als Kraus. Auch er kam in den 60er Jahren nach Cottbus, um in der Energiewirtschaft zu arbeiten. Mit seiner Ausbildung als Elektromonteur, wurde er händeringend gebraucht. Sein Vater sagte ihm schon früh „diktatorische Regime halten sich nicht“. Das hat er sich gemerkt. Im Gegensatz zu vielen anderen, schickte er seine Kinder nicht zur Jugendweihe. Dadurch machte er recht schnell Bekanntschaft mit der Stasi, erzählt er leicht zynisch. Obwohl die Wende große Unsicherheiten mit sich brachte, ergaben sich für Schierack aber auch neue Möglichkeiten. Schon im Januar 1990 trat er der CDU bei, für die er auf der Kommunalebene immer noch aktiv ist. Auch erzählt er immer wieder in Schulen von der Unfreiheit der Bürger in der DDR. Gerade mit dem Aufmarsch der Rechten in den ostdeutschen Bundesländern ist das wichtig, findet er.

Auch Andi Leuschner setzt sich mit der Geschichte der DDR auseinander. Er kommt aus einer anderen Generation: Erst 1985 machte er Abitur, ging anschließend zur NVA (Nationalen Volksarmee) und wurde schließlich Offizier. Das hat einiges an Mühe gekostet, denn mit der Verwandtschaft im Westen, wurde ihm lange der Aufstieg zum Offizier verweigert. Erst mit seinem Versprechen, den Kontakt zu den Westverwandten einzustellen, wurde er befördert. Seinen Beförderungsschein hat er mitgebracht, unterschrieben am 12. August 1989. Die DDR stand kurz vor dem Umbruch, der sich schon seit einigen Jahren angekündigt hatte, erinnert Leuschner sich. Als Gorbatschow-Anhänger hat er die Änderungen damals begrüßt. Nach der Wende schaute er sich seine Akte an und musste erschrocken feststellen, dass diese aufgrund der Verwandten im Westen gar nicht so dünn war. Trotzdem blieb er zunächst bei der Armee und begegnete dort seinen Kollegen aus dem Westen. Er erinnert sich an einen Feldwebel der NATO, der ungeniert mit einer Kamera herumspazierte – damals für ihn unvorstellbar. Ganz unkompliziert liefen die ersten Kontakte damals nicht. Letztendlich verließ er die Armee und wurde Steuerberater. Mittlerweile ist er beim Menschenrechtszentrum Cottbus und dem ehemaligem DDR-Gefängnis für politische Gefangene tätig.

War damals alles schlecht?

Frau Gieszinger ist der Meinung, dass das Schulsystem in der DDR besser war. Sie hat selbst 41 Jahre lang Deutsch, Mathe und Sport unterrichtet und die Änderungen im Schulsystem direkt miterlebt. Die Individualisierung der Gesellschaft, die man heutzutage wahrnimmt, hat ihrer Meinung nach auch damit zu tun, dass die Betreuung der Schüler durch die Lehrer heute stark abgenommen hat. Während der DDR war das anders, sagt sie. Damals kannten die Lehrer nicht nur die Schüler, sondern auch die Eltern. Dazu kam, dass für die Kinder sehr viel organisiert wurde. Das beste Beispiel ist die FDJ. Über die Freie Deutsche Jugend liefen viele Veranstaltungen, auch außerhalb der Schule. Christiane Lötsch, die mit Wir Sind Europa aus Berlin angereist ist, schließt sich dem Gespräch an. Sie hat sogar ihren Pionierausweis dabei. Aufgewachsen in Ost-Berlin, erinnert auch sie sich an die Verbundenheit in der FDJ, die Selbstverständlichkeit des Pioniereids und die dazugehörenden Gebote. Sie hat keine schlechten Erinnerungen an ihre Zeit als Pionier und Schülerin, trotzdem hinterfragt sie die Erziehungsmethoden der DDR. Dies habe keine mündigen, sondern abwartende Bürger hervorgebracht, denkt Lötsch. Weitere Details zu den Erzählungen der Zeitzeugen wurden im Rahmen des Workshops auch in kurzen Videobeiträgen festgehalten.

Die Auswirkungen sind noch heute spürbar

Über die Frage, ob diese Mentalitätsunterschiede dreißig Jahre nach der Wende ein Problem darstellen, unterhalten sich die Teilnehmer noch eine Weile. Jetzt zeigt sich zum Beispiel, wie sich der ein oder andere unabhängige und mündige Westdeutsche manche Industriebetriebe erworben hat. Das hat auch Cottbus zu spüren bekommen, als die RWE die Energiewerke gekauft hat und die alten Arbeitsplätze verloren gegangen sind. Dennoch, hoffnungslos sind die Teilnehmer nicht. Für die Zukunft setzen die Cottbuser auf die Energiewende. Dabei sollte die Stadt wieder eine größere Rolle spielen, als Schaltzentrum in der Mitte Europas. Es wird deutlich, dass die  Wiedervereinigung für viele Cottbusser, neben einem Gewinn an individuellen Freiheiten, in den vergangenen 30 Jahren auch viele kleine und große Herausforderungen mit sich gebracht hat, die bis in die Gegenwart hineinreichen – sowohl für jeden Einzelnen wie auch für die Stadt und die Region. Dennoch blicken die Zeitzeugen insgesamt vorsichtig optimistisch in die Zukunft und sehen die Chancen für ihre Stadt. Die Gesprächsteilnehmer setzen dabei vor allem auf die jungen Leute, in der Hoffnung, dass diese dann nicht länger wegziehen. Denn die Jugend hat die Energie, um Cottbus voranzubringen.

Lizzy van Winsen arbeitet als Journalistin beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen in den Niederlanden. Außerdem ist sie Mitglied der Basisgruppe von „Wir sind Europa“.