Für ihre Stadtreportage ist Daniela Ivankovà nach Cottbus gefahren. Dort traf sie auf eine Stadt, die sich auf dem Weg in eine spannende und ungewisse Zukunft befindet. Ihre Eindrücke hat sie für uns aufgeschrieben.

Von Daniela Ivanková 

Man könnte mit dem Satz beginnen, dass Cottbus/Chóśebuz, die zweitgrößte Stadt des Landes Brandenburgs mit etwa 100 000 Einwohnern, eine Stadt voller Kontraste, ist. Wo grüne Parks und eine sehenswerte Altstadt auf Betonhäuser aus der DDR-Zeit treffen, wo Rechtspopulismus auf Multikulturalismus trifft, wo Jugendliche für Klimaschutz und Kohleausstieg auf die Straße gehen, während die Eltern und Großeltern in den Braunkohletagebauten geschuftet haben.
Aber wer Cottbus näher kennenlernt wird feststellen, dass es zu einfach wäre, Cottbus mit dem Attribut “Stadt der Kontraste” oder gar “Stadt der Widersprüche” abzustempeln. Ebenso würde man der Stadt und ihren Bewohnern nicht gerecht, wenn man lediglich gängige, mediale Beschreibungsmuster wiederholt, die Cottbus auf die Themen „Rechtsextremismus“ und „Ost-Geschichte“ reduzierten. Cottbus ist nach meinem Eindruck vor allem eine Stadt, die angesichts fundamentaler wirtschaftlicher Umwälzungen und einer sich verändernden Einwohnerstruktur vor gewaltigen Herausforderungen steht. Cottbus, jahrzehntelang stolzer Energielieferant einer ganzen Volkswirtschaft, ist auf einer spannenden wie ungewissen Suche nach einer neuen Identität.

Cottbus und seine Ausblicke

An einem sonnigen Tag im März, als ich Cottbus zum ersten Mal besuche, steige ich die 131 Stufen des Spremberger Turms hinauf. Ganz oben wird mir ein Blick auf die Altstadt mit ihren roten Türmen und grünen Kirchenkuppeln geboten. Mein Blick wandert weiter über Plattenbauten bis zum Horizont, an dem sich Industrieanlagen abzeichnen, deren dicke Dampfwolken sich in den Himmel auftürmen. Ein frischer Wind weht mir um die Nase und ich frage mich, wie das hier wohl früher, vor 30, 40 oder sogar 50 Jahren war: Der Ausblick, aber auch der Wind.

Vom Spremberg Turm hat man einen Ausblick über ganz Cottbus. Foto: Wolfgang Domeyer

Damals, lese ich später, muss der Wind oft weniger frisch gewesen sein: Der Staub der umliegenden Braunkohletagebauten machte den Himmel trübe und kratzte im Hals. Cottbus war damals quasi Welthauptstadt der Braunkohleförderung. Heute bilden viele ehemalige Braunkohlegruben malerische (wenn auch schwefelhaltige) Seen

Dass man in Cottbus heute unabhängig von der Windrichtung seine Fenster öffnen kann, dem wird wohl jeder etwas Gutes abgewinnen können. Aber es weht eben auch ein anderer “Wind of change” durch die Straßen dieser Stadt. Dieser kündet nicht mehr, wie vor 30 Jahren, von einen nahen politischen Umbruch an, sondern den nächsten tiefgreifenden Veränderungsprozess in der Geschichte  der Stadt Cottbus innerhalb eines noch recht jungen Menschenlebens: Cottbus verabschiedet sich von der Braunkohle. Das ist nicht nur ein Abschied von dem zentralen Wirtschaftsfaktor der Stadt und der Region Lausitz, sondern auch der Verlust eines Stücks lokaler Identität und Stolzes. Wird Cottbus diese Lücke füllen können? Wird die Entwicklung hin zu anderen Technologien gelingen und der Stadt und ihren Bewohnern neue Prosperität bringen und zur Entwicklung eines neuen Selbstverständnisses führen? Sicher scheint nur eines: Wenn spätestens 2038 der letzte Tagebau geschlossen sein wird, wird sich in Cottbus weit mehr verändert haben als nur die Turmaussicht.

Cottbus, die Energiemetropole der DDR

Cottbus und die Kohle – das ist schon eine lange Beziehung. Schon mit dem Beginn der Industrialisierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in der Lausitz Kohle gefördert, um den Hunger der Maschinen nach Brennstoffen zu stillen. Eine vollkommen neue Dimension erreichte der Braunkohleabbau aber nach dem 2. Weltkrieg mit der Entscheidung des damaligen Ministeriums für Schwerindustrie der DDR hier das größte Energiekombinat des Landes aufzubauen.

Jahrhundertealte Städte und Dörfer, insbesondere der sorbischen Minderheiten, mussten dem Kohlebergbau und dem anschließenden Bau von Kraftwerken und Chemiefabriken weichen. Zehntausende Menschen mussten umgesiedelt werden. Seit dem Jahr 1957, als Cottbus zum Zentrum des “Kohle- und Energiebezirks” der DDR wurde, hat man hier systematisch gebohrt und abgebaggert. Die Fläche des Braunkohlereviers wuchs und wuchs, sodass in der intensivsten Phase der Braunkohleförderung einem Drittel des Bezirkes Cottbus die Abbaggerung drohte.

Foto: Jonas Krohn

Trotz dieser massiven Auswirkungen auf die Umwelt und die Landschaft wurden die Tagebauten als zuverlässige und vergleichsweise sehr gut bezahlte und sozial angesehene Arbeitsplätze geschätzt. Die DDR wurde zum größten Braunkohleförderer der Welt und Cottbus zu ihrer Energiemetropole. Zwischen 1950 und 1976 verdoppelte sich die Einwohnerzahl von Cottbus von 50.000 auf 100.000 Einwohner. Die Kohle und die Energiegewinnung wurden zum Dreh- und Angelpunkt des sozialen Lebens der Cottbuserinnen und Cottbuser. Die Braunkohle gab etwa 90.000 Menschen eine Arbeit. Als 1966 ein neuer Name für den Fußballverein SC Cottbus gesucht wurde, fiel die Wahl leicht: Energie Cottbus sollte er von nun an heißen.

Cottbus auf dem Weg in die Zukunft

Von der einstigen Bedeutung scheint nicht viel übriggeblieben: Von mehr als einem Dutzend Tagebauten sind heute um Cottbus nur noch zwei in Betrieb, die Grube Jänschwalde einige Kilometer östlich der Stadt und die Grube Welzow-Süd rund 20 Kilometer südlich von Cottbus. Zuletzt wurde in 2015 der 2700 Hektar große Tagebau Cottbus-Nord (das entspricht 27 Fußballfeldern) nur 8 Kilometer nordöstlich der Innenstadt geschlossen. Der FC Energie Cottbus kickt mittlerweile in der Regionalliga Nord-Ost. Von den ehemals 90.000 Arbeitsplätzen im Kohleabbau sind knapp 10.000 geblieben.

Auch die zwei verbliebenen Tagebauten werden nach dem geplanten Kohleausstieg bis spätestens 2038 schließen müssen. Bis dahin wird der Bund die betroffenen Kohleregionen in Deutschland mit 40 Milliarden Euro unterstützen. An mehr oder weniger innovativ klingenden Ideen, wie das Geld in Cottbus und der Lausitz eingesetzt werden soll, mangelt es nicht: Man hört von einem Lausitzer Silicon Valley, dem Aufbau eines 5G-Forschungslabor oder Cottbus als intelligent vernetzte „Smart City“. Das klingt zumindest schon mal nach Innovation.

Vielfältiges Cottbus

Foto: Justyna Michniuk

Auch ohne groß klingende Ideen hat Cottbus auf dem Weg in eine Zukunft ohne Braunkohle bereits eine beachtliche Strecke zurückgelegt. Zwar hat die nach der Wiedervereinigung einsetzende Abwanderung insbesondere von zumeist höher qualifizierten jungen Menschen, darunter mehr Frauen als Männer, der Stadt und der Region sehr zugesetzt.

Cottbus verfügt aber mittlerweile über ein durchaus vielseitiges wirtschaftliches, wissenschaftliches und kulturelles Profil. Die Kohle- und Energieindustrie steht längst nicht mehr im Mittelpunkt des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. “Cottbus ist heutzutage eine Stadt mit einem ausgeprägten Mittelstand, die größeren Industriebetriebe existieren nicht mehr.”, so der Leiter des Stadtmuseums in Cottbus, Steffen Krestin. “Heute ist die Stadt eher eine von der Verwaltung geprägte Stadt sowie ein Schul- und Bildungsstandort, bei dem die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg eine große Rolle spielt.”

An der 1991 gegründeten Universität studieren ca. 7300 Studenten an sechs Fakultäten. Die Universität ist mit 1500 Mitarbeitern, darunter knapp 200 Professoren, mittlerweile der drittgrößte Arbeitgeber in Cottbus. In ihrem Umfeld haben sich zahlreiche Forschungszentren angesiedelt, die die Stadt für hochqualifizierte Arbeitskräfte interessant machen. Drei anerkannte wissenschaftliche Institute (das DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin, das Fraunhofer-Institut und das Kompetenzzentrum Klimaschutz) planen die Einrichtung von spezialisierten Zentren mit dem Schwerpunkt Klima- und Energieforschung in Cottbus.

Zudem verfügt Cottbus über ein vielfältiges kulturelles Angebot, insbesondere über eine lebendige Theaterlandschaft mit dem Staatstheater Cottbus, aber auch vielen kleineren unabhängigen Bühnen, wie etwa dem Kinder- und Jugendtheater Piccolo. Dessen Leiter Reinhard Drogla schätzt an Cottbus “die glückliche Lage ein reichhaltiges kulturelles Angebot gegenüber sehr offene Stadtgesellschaft zu haben. Auch was Museen und Bibliotheken angeht, sind wir gut ausgestattet. Cottbus hat hier eine lange Tradition.” Er wünscht sich aber auch eine größere Unterstützung für die Orte der Subkultur, die Clubs und Bars in Cottbus, die für die Attraktivität der Stadt, gerade in den jüngeren Generationen ganz wesentlich sind.

Eine sehr offene Stadtgesellschaft? Diese Einschätzung scheint zunächst überraschend. Überregional macht Cottbus meist Schlagzeilen aufgrund rechtsextremistischer Vorfälle und Rekordergebnissen für die AFD. Teile der Ultrafanszene des Energie Cottbus zeigen bei Fußballspielen den Hitlergruß.

Foto: Justyna Michniuk

Tatsächlich ist Cottbus Bevölkerung aber weitaus internationaler und diverser, als es derartige Meldungen vermuten lassen. “Das sieht man auf den Märkten, in den Nachnamen an den Hauseingängen, in den Belegschaften der Betriebe und an den Süßigkeiten im Schrank”, meint der Theaterleiter Reinhard Drogla, der in dieser Stadt seit über 50 Jahren lebt. “Wir sind hier an Internationalität gewöhnt. Unsere Universität ist international, unsere Kultureinrichtungen haben internationales Personal, Tourismus spielt eine große Rolle, die Nähe zu Polen sorgt für Diversität auch innerhalb der in Cottbus wohnenden Stadtbevölkerung.”

Etwa 9000 Cottbuser kommen aus dem Ausland. Die meisten von ihnen, etwa 2.400, sind aus Syrien hierher geflüchtet. Etwa 660 Polinnen und Polen haben sich in Cottbus niedergelassen. Die deutsch-polnische Grenze ist mit dem Auto nur eine halbe Stunde entfernt. Andere haben aus Afghanistan, Russland, der Ukraine, Vietnam, China, dem Iran oder Indien den Weg nach Cottbus gefunden.

Zur kulturellen Vielfalt der Stadt tragen auch die in Cottbus und der Lausitz lebenden Niedersorben bei, deren slawische Vorfahren bereits um das Jahr 600 das Gebiet zwischen Ostsee und Erzgebirge besiedelten. Ihre Präsenz in Cottbus macht sie zur größten zweisprachigen Stadt Deutschlands. Auf den Schildern in der Stadt ist diese Zweisprachigkeit überall sichtbar. Dennoch ist dieser Teil kultureller Vielfalt gefährdet. Schon im Kaiserreich waren die Sorben unter zunehmenden Germanisierungsdruck geraten. Im Nationalsozialismus wurde das sorbische Volk für biologisch minderwertig erklärt und die sorbische Sprache verboten. Nach dem 2. Weltkrieg fielen dem Braunkohleabbau in der DDR dann circa hundert sorbisch besiedelte Dörfer zum Opfer. Damit ging auch ein wichtiges Stück sorbischer Kultur und Identität unwiederbringlich verloren. Heute leben circa 60.000 Sorben in der Gegend um Cottbus und Bautzen. Sprache und Kultur erholen sich aber trotz staatlicher Förderung nur schwer von den historischen Verwerfungen.

Auseinandersetzung um Zukunft im vollen Gange

Nicht nur deswegen ist Cottbus bei weitem kein multikulturelles Paradies. “Wir haben in Cottbus, nicht erst seit einer erstarkenden AfD, rechtspopulistische Strukturen und Tendenzen, die ganz klar ein Problem sind. Ich wünsche mir für Cottbus gelebte Offenheit, Toleranz und Akzeptanz, als Werte, die für mich ganz selbstverständlich sind. Und ich kenne etliche Cottbuser*innen, die das ganz genauso sehen”, so der Theaterleiter.  Insbesondere vor dem Hintergrund der jüngeren Migrationsgeschichte und den gleichzeitigen Herausforderungen durch den Strukturwandel zeigt sich eine starke Polarisierung und teilweise Radikalisierung der Cottbuser Stadtbevölkerung.

Reinhard Drogla, Leiter des Piccolo Theaters Cottbus, Foto: Katrin Penschke

Bei den Kommunalwahlen 2019 konnte die AfD sich nicht nur durch ihre Ablehnung gegenüber Ausländern und Einwanderern profilieren, sondern auch als Kohleausstiegsgegner Stimmen gewinnen. Sie wurde mit 22% der Wählerstimmen stärkste Partei in Cottbus.

Die AfD kann offenbar von einer teilweise verbreiteten Stimmung profitieren, die nicht schon wieder einen grundlegenden Wandel der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hinnehmen will. Die den Strukturwandel nicht als Herausforderung und Chance für eine zukunftsfähige Gestaltung der Stadt Cottbus und der Lausitz begreift, sondern als politisch “von oben” aufgedrücktes, ideologisches Programm.

Erst der Schatten zeigt das Licht

Die ehemalige Energiemetropole Cottbus hat den Charme einer historischen Stadt mit verschiedenen architektonischen Stilen, in der es nicht an Cafés und Kneipen mangelt. Als ich durch die gepflasterten Gässchen bummele, stoße ich in der Mühlenstraße an einer Hauswand auf eine unauffällige Sonnenuhr, über ihr die Inschrift: “Erst der Schatten zeigt das Licht”. Der Satz geht mir länger durch den Kopf. Passt er zu Cottbus? Cottbus auf dem Weg aus seiner schattigen Braunkohlevergangenheit in eine lichte Zukunft? Oder geht in Cottbus ohne die Braunkohle das Licht aus und verschattet alle Perspektiven? Was ist, wenn man sich gar nicht einig ist, was Licht und was Schatten ist?

Jedenfalls, denke ich, während der sonnige Märztag sich schon dem Ende neigt, lohnt es sich in Cottbus nicht immer nur nach den Schatten zu suchen und von diesen zu berichten. In der Lausitz ist mehr Licht als man denkt.

Daniela Ivanková studierte Internationale Beziehungen in der Slowakei, Polen, Tschechien und Ungarn. Seit 2015 lebt sie als freie Journalistin in Berlin, wo sie unter anderem als Deutschland-Korrespondentin für den slowakischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig war.