Für viele Menschen, die aus einem anderen Land nach Deutschland ziehen, ist eine der ersten Anlaufstellen die Arbeiterwohlfahrt (AWO). Lizzy van Winsen hat sich mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der AWO Gelsenkirchen zusammengesetzt und über ihre Arbeit gesprochen. Ein Gespräch über Brücken bauen und Türklinken putzen. 

Von Lizzy van Winsen

„Wichtig ist es, die Türklinken zu putzen“ , sagt Admir Bulic mehrmals während unseres Besuches im Büro der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Gelsenkirchener Stadtteil Feldmark. Seit Kurzem ist die AWO, wo Bulic als Bereichsleiter für Integration und Erwachsenenbildung arbeitet, in ein Gebäude in der Mitte des Viertels gezogen. Zwischen die Leute, um die es geht. Durch die vielen Fenster im Raum, in dem wir Bulic und seine Kolleginnen und Kollegen treffen, dringt die Frühlingssonne ungestört ein, was die positive Einstellung der Mitarbeiter verstärkt. Sonnenschirme sind zwar noch nicht in der neuen Unterkunft aufgestellt, die gespendete Küche funktioniert allerdings schon bestens und wird häufig von der Nachbarschaft genutzt. „Wir sind eine Anlaufstelle, die Menschen kochen hier Speisen aus ihrer Heimat, die Tür steht für jeden offen“, sagt Bulic. Und wenn die gerade neu angekommenen Migranten nicht selbst kommen, gehen die Mitarbeiter der AWO zu den neuen Gelsenkirchenern. Dorthin, wo sie wohnen, in verschiedene Stadtteile, bis die Türklinke genauso glänzt wie der neue Keramikherd.

Die Mitarbeiter der AWO vermitteln dann erstmal die grundlegenden Informationen, die man braucht, um in Gelsenkirchen leben zu können. Wo sind die Arbeitsämter? Welche Zeugnisse braucht man? Werden die Zeugnisse, die man hat, auch in Deutschland anerkannt? Wie beantragt man Kindergeld? Wo können die Kinder zur Schule gehen? Denn Kinder gehören hier in die Schule. Genauso wie man in Deutschland Müll trennt. Auch das erklären die AWO-Mitarbeiter beim ersten Besuch. Um gute Integration zu fördern und auch die Nachbarschaft nicht zu verärgern, sind gerade solche Kleinigkeiten wichtig. Die Erklärungen finden erstmal in der Heimatsprache statt. Natürlich vermitteln sie auch die Adresse für den wichtigen Sprachkurs, aber die Integration soll gleich anfangen, nicht erst, wenn man des Deutschen mächtig ist. Dass Müllentsorgung tatsächlich ein Problem in Gelsenkirchen darstellt, zeigt das Projekt GEputzt, das seit einigen Jahren von der Stadt durchgeführt wird. Zu Beginn des Frühlings werden alle Einwohner Gelsenkirchens an einem Aktionstag gebeten, „Grünanlagen, Wege und andere Bereiche unserer Stadt von achtlos weggeworfenem Abfall zu befreien“, wie die Webseite der Gelsendienste die nächste Aktion für den 16. März 2019 ankündigt.

Rumänien – Europa

Die Betreuung der Migranten, die eine Aufenthaltsgenehmigung haben, macht mittlerweile 60% ihrer Arbeit aus, ergänzt Heike Lorenz, leitende Sozialarbeiterin beim Diakoniewerk, mit dem die AWO eng zusammenarbeitet. Auch die Stadt Gelsenkirchen ist ein Partner. „Wir haben uns zusammengesetzt und die Arbeit verteilt. Auch haben wir uns darauf geeinigt, nicht länger um EU-Geldtöpfe zu konkurrieren“, sagt Lorenz, „denn das Geld steht leider nur auf Projektbasis zur Verfügung und ist dann schon fast weg.“ Es ist genau diese Zusammenarbeit, die ihr Projekt in Feldmark so erfolgreich und zum Vorzeigebeispiel macht. Ihr Integrationskonzept: Geh zu den neuen und bilde eine Brücke zu den alten Einwohnern. Gelsenkirchen erlebt neben Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten auch einen großen Zuzug von Osteinwanderern, die nach dem Beitritt der ehemaligen sozialistischen Staaten 2004 die Rechte der Europäischen Union in Anspruch nahmen, um ein besseres Leben für sich und ihre Kinder aufzubauen. Die Freizügigkeit ermöglicht Migranten aus Osteuropa, genau wie allen anderen EU-Bürgern, das visumsfreie Reisen und Leben in Deutschland. Das bedeutet aber noch nicht, dass die Integration dieser Gruppe reibungslos verläuft.

In über 20 Sprachen kann die AWO sich mittlerweile verständlich machen. Die Mitarbeiter sind zum Teil selbst ehemalige Migranten, die bei der AWO und Diakonie angeklopft haben. Aus Betroffenen Beteiligte machen, die selbst Verantwortung übernehmen, das ist laut Admir Bulic ein wichtiges Ziel. Ein Beispiel dafür ist Giorgiana Abbas aus Rumänien. Ihr Deutsch ist inzwischen so gut, dass sie als Sozialberaterin für die AWO Migranten aus ihrem Heimatland bei den ersten Schritten in Deutschland begleitet. Sie erklärt ihnen Rechte und Pflichten, wenn nötig, übersetzt sie wichtige Gespräche. Lotse nennen sie die Arbeit bei der AWO und der Diakonie, wo ihre Kollegin und Landsfrau Mioara Boboc tätig ist. Seit acht Jahre lebt sie jetzt in Gelsenkirchen, sechs Semester ist ihr Studium für Sozialarbeit schon fortgeschritten. Sie fühlt sich wohl in der Stadt, erzählt Boboc: „Ich bin keine Fremde mehr, Europa ist meine Heimat.“ Genauso wie ihr damals geholfen wurde, hilft sie jetzt Menschen bei ihrem neuen Leben in Deutschland.

Roma

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AWO Gelsenkirchen im Gespräch mit Mitgliedern der “Wir sind Europa” Basisgruppe.

So zum Beispiel bei der Integration der Roma, die in ihrem Heimatland oft noch als zweitrangige Bürger angesehen werden. Die Umstände, in denen sie in Städten in Rumänien oder Bulgarien, beispielsweise in der aktuellen EU-Kulturhauptstadt Plovdiv, leben, sind teilweise erniedrigend. Lorenz erinnert sich an eine Reise, die sie zusammen mit Mioara Boboc machte. „Es war eine der traurigsten Sachen, die ich je gesehen habe. Und das innerhalb Europas. In den Wohngebieten gab es manchmal noch nicht mal Elektrizität oder fließendes Wasser.“ In Gegenden, in denen die grundlegendste Versorgung nicht funktioniert, ist es klar, dass auch die Müllabfuhr stockt. Mülltrennung kennen die Menschen erst recht nicht. Das müssen sie sich erstmal aneignen. Daher wird bei den Hausbesuchen von Lotsen wie Abbas und Boboc immer wieder auf diese deutsche Sitte gedrängt. Manchmal verwenden sie Piktogramme dafür, denn für das, was es im eigenen Land nicht gibt, gibt es auch keine Begriffe in der Landessprache.

Die Hausbesuche sind auch wichtig, weil sich nicht alle Wohnungen, in denen die Migranten in Gelsenkirchen Unterkunft finden, tatsächlich zum Wohnen eignen. Lange hat die Stadt gegen diese sogenannten Schrottimmobilien gekämpft. Die Unwissenheit der Migranten wurde zum Teil durch Spekulanten ausgebeutet, die gefährlich heruntergekommene Wohnungen vermieten, manchmal sogar nur mit mündlichem Mietvertrag. Die AWO hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, den Bewohnern zu verdeutlichen, dass sie einen schriftlichen Vertrag verlangen können. Letztendlich hat die Stadt Gelsenkirchen in die Situation eingegriffen und eine Schließung der Schrottimmobilien erzwungen, womit sie Wegbereiterin für andere Städte war. Zwangsläufig kommt dann die Frage auf, wo die Bewohner ein neues Zuhause finden sollen. Vielen ist dies glücklicherweise gelungen, so auch dem Roma-Ehepaar, das zu unserem Gespräch eingeladen war.

Seit drei Jahren sind sie mit ihren fünf Kindern in Gelsenkirchen. Er ist seinem Vater hinterhergereist, um der Armut in Rumänien zu entkommen. Aus ihrer Region Vrancea in Nordost-Rumänien leben jetzt um die 60 Familien in Gelsenkirchen, erzählen sie. So langsam und nachdem sie aus der Schrottwohnung ausgezogen sind, fühlt Gelsenkirchen sich an wie ihr Zuhause. Obwohl das Leben auch in Deutschland nicht immer einfach und Diskriminierung auch hier nie weit weg ist, so lebt es sich doch besser als in ihrer Heimat. Die Kinder gehen mittlerweile zur Schule oder in den Kindergarten. Er hat einen Mini-Job und versucht, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen. In Rumänien hat er als Fahrer gearbeitet, das würde er hier am liebsten auch machen. „Mein Traum ist, in Vollzeit zu arbeiten und damit genügend Geld zu verdienen, um meine Familie versorgen zu können. Und vielleicht, irgendwann mal, eine Wohnung zu kaufen.“

Feste feiern

Dass dies nicht immer gelingt, wissen sie bei der AWO und Diakonie bestens. Auch wenn die Osteinwanderer keine Aufenthaltsgenehmigung brauchen, was für Flüchtlinge von außerhalb der EU eine Voraussetzung ist, ist auch für sie der Weg in ein normales Leben, in dem man ohne Unterstützung des deutschen Staates auskommen kann, oft lang. Nach der ersten großen Freude, eine sichere Bleibe gefunden zu haben, erleben fast alle Migranten irgendwann Rückschläge. Die Sprache, ein Job, die nicht immer offenen Arme ihrer deutschen Nachbarn – Lotsen wie Mioara Boboc kennen die Höhen und Tiefen der Integration, die Angst und die Wut: „Das ist nicht immer einfach, aber die Erfolge, die wir auch sehen, helfen uns weiter.“ Heike Lorenz ergänzt: „Es ist wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben, die Möglichkeit zu bieten, Dampf abzulassen, am besten bei einem Essen oder einer Feier.“ Auf diese Weise Brücken bauen ist wichtig, stimmt auch Admir Bulic zu: „Letztes Jahr war ich auf dem Weihnachtsmarkt mit meinen Kindern. Da traf ich auf eine Familie, der ich vor einigen Jahren geholfen habe, in Deutschland Fuß zu fassen. Dass die Leute jetzt auch kommen, heißt, dass es geklappt hat.“

Lizzy van Winsen arbeitet als Journalistin beim öffentlich-rechtlichen Fernsehens in den Niederlanden. Außerdem ist sie Mitglied der Basisgruppe von “Wir sind Europa”.